Positionspapier Hochschulzugang

07.08.2006: Beschlossen auf der 13. Mitgliederversammlung von Campusgrün in Halle 06. August 2006

Die seit Jahrzehnten bestehende Unterfinanzierung des Hochschulsystems hat im immer verschärfteren Maße zu einem Mangel an Studienplätzen geführt. Als Folge davon wurden und werden absurderweise bürokratische Beschränkungen beim Hochschulzugang eingeführt. Die politisch richtige Antwort ist jedoch eine Erhöhung der Zahl von Studienplätzen; insbesondere in den Fächern, in denen es seit Jahren nicht genügend Plätze gibt.

Seit Mitte der 90er werden den Hochschulen mehr Instrumente zur Auswahl der eigenen Studierenden gegeben. Die damit verbundene politische Zielsetzung ist die einer stärkeren Profilierung der Hochschulen im Sinne der Wettbewerbsideologie. Diese ist kritisch zu hinterfragen.

Zentrale Anforderung an ein Verfahren zur Vergabe von (einer zu knapp bemessenen Zahl an) Studienplätzen ist, dass Studierwilligen eine reelle Chance eingeräumt wird, das Grundrecht auf freie Berufswahl auszuüben und das gewünschte Studienfach zu studieren. Solange insbesondere in bestimmten Studiengängen die Ressourcenausstattung begrenzt ist, sind Studienplätze nach für alle StudienbewerberInnen nachvollziehbaren und gerechten Kriterien zu vergeben. Dem Umstand, dass soziale Ungleichheit sich im Bildungssystem in Deutschland besonders stark niederschlägt, ist bei der Vergabe von Studienplätzen besonders Rechnung zu tragen.

Zu einzelnen diskutierten Maßnahmen nimmt Campusgrün im folgenden Stellung:

Die Abiturdurchschnittsnote hat eine hohe Voraussagevalidität hinsichtlich des Studienerfolgs, trotz bestehender Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten bei der Notenvergabe. Im Gegensatz zu Momentaufnahmen von Auswahlverfahren wird die Abiturnote in der Regel in einem zweijährigen Zeitraum gewonnen. Allgemeine Hochschulzugangstests sind abzulehnen, sie führen zu einer übersteigerten Elitenbildung im Wettbewerb der Hochschulen und degradieren das Abitur zur Bedeutungslosigkeit. Abinote und Wartesemester müssen daher weiterhin eine maßgebliche Rolle spielen, andere Auswahlverfahren können nur Ergänzung sein um BewerberInnen, die durch das NC-Raster gefallen sind, eine zusätzliche Chance zu bieten sich trotzdem zu qualifizieren.

  • Eine Möglichkeit stellt die gesonderte Gewichtung einzelner Fachnoten zur Ermittlung einer "fachspezifischen Abinote" dar. Diese Idee kann nur eingeschränkt und für bestimmte Fächer Sinn machen, wertet allerdings das Abitur als allgemeine Hochschulreife ab und nivelliert die von den SchülerInnen vorgenommene Gewichtung mittels der individuell getroffenen (Leistungs-)Kurswahl. Sinnvoller wäre es, in den Schulen diese Wahlmöglichkeiten aufrecht zu erhalten und auszubauen. Problematisch an fachbezogener Gewichtung ist ferner, dass SchülerInnen in der Regel nicht über die Anforderungen verschiedener Studienfächer informiert sind. Für die Wahl von Fächern spielen in der Schule andere Gründe als das zukünftige Studium eine Rolle.
  • Auswahlgespräche sollen den StudienbewerberInnen die Möglichkeit geben, diejenigen persönlichen Fähigkeiten ("Soft Skills") in die Bewerbung einzubringen, die durch Zeugnisse oder Tests schwer nachzuweisen sind. Damit sind solche Verfahren aber anfällig für subjektive Vorurteile und Diskriminierung durch die Auswählenden. Ebenso können sie zu einer Verstärkung sozialer Benachteiligung führen.
  • Fachspezifische Auswahltests bieten im Gegensatz zu Gesprächen keinerlei Möglichkeit die o.g. "Soft Skills" abzufragen. Auf das jeweilige Profil des Studienfachs zugeschnittene Tests bieten den StudienbewerberInnen allerdings die Möglichkeit, sich gezielt auf den Test vorzubereiten und diesen unter gleichen Bedingungen abhalten zu können. Dies setzt eine umfassende Information der StudienbewerberInnen voraus, wie sie derzeitig an den Hochschulen nicht vorhanden ist. Es ist für StudienbewerberInnen nicht zumutbar, sich auf unterschiedliche fachbezogene Auswahltests vorzubereiten. Es besteht ferner die Gefahr, dass Hochschulen ihrer Verantwortung für die Vermittlung fachspezifischer Grundlagenkenntnisse nicht nachkommen, wenn sie diese als Zugangsvoraussetzung definieren und selektive Testverfahren verwenden. Der zentrale Kritikpunkt an fachbezogenen Auswahltests (und -]gesprächen) ist, dass ein Test immer nur eine Momentaufnahme ist und Testversagen eine wesentliche Rolle spielt.
  • Testverfahren, die im Rahmen von Studienverläufen der Orientierung über das eigene Leistungsvermögen dienen und keine neuen Selektionsschwellen aufbauen sind getrennt zu betrachten.

  • Motivationsschreiben haben in der Regel keine besondere Aussagekraft, sie führen zu einem enormen Arbeitsaufwand auf beiden Seiten und zur Entstehung fest stehender Floskeln, wie sie von Arbeitszeugnissen bekannt sind.

Lokale Zulassungsverfahren führen zu einem enormen zeitlichen Aufwand von StudienbewerberInnen und Hochschulen, insbesondere wenn Studieninteressierte sich an mehreren Hochschulen gleichzeitig bewerben. Es ist ferner zu befürchten, dass Hochschulen für derartige Maßnahmen Gebühren erheben. Dies kann nicht zuletzt eine starke sozial wirksame Selektion zur Folge haben. Auch aus diesem Grunde ist es erstrebenswert, zentrale Verfahren vergleichbar mit den internationalen Fremdspracheneinstufungstests zu entwickeln und anzuwenden.

Bei allen Verfahren müssen soziale Kriterien wie sie sie bei der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) Beachtung finden, hinreichend berücksichtigt werden. Darüber hinaus sind Maßnahmen gleichstellungspolitischer Natur wünschenswert.

Eine dauerhafte Verbesserung des individuellen Studienerfolgs und der Studienzufriedenheit ist nur über eine deutliche Verbesserung von Beratungsangeboten zu erreichen. Dies betrifft eine verbesserte schulische Vorbereitung auf das Studium, eine verbesserte Betreuung während des Studiums sowie eine verbesserte Verzahnung der beiden Bereiche.

Hochschulmessen oder andere Werbeveranstaltungen können nur eine begrenzte Wirkung haben; wichtiger ist es, SchülerInnen einen echten Einblick ins Studium zu ermöglichen. Dabei sind Tage der offenen Tür bei weitem nicht ausreichend. Projekte wie Hochschulpraktika (verglichen mit Betriebspraktika) oder Vorlesungen in Schulen sind auszubauen.

Propädeutische Angebote wie Vorkurse oder intensive Einführungsveranstaltungen sind verstärkt anzubieten. Gerade in Kombination mit obligatorischen Einstufungsprüfungen, deren Ergebnisse allerdings lediglich beratende Wirkung haben dürfen, machen diese Maßnahmen Sinn. Regelmäßige Gespräche zur Studienverlaufsplanung und fachlichen Betreuung sollten für Lehrende und Lernende obligatorisch sein.

Zugehörige Dateien:
CampusgruenPosition_Hochschulzugang.pdfDownload (28 kb)

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