Grundsatzposition: Verhältnis von Ökologie und Wirtschaft

11.11.2017: Rockström et al. (2009) zeigen mit ihrem planetarischen Grenzlinienmodell, dass ein "Weiter-So" nicht möglich ist. Im Laufe ihrer Forschungsarbeiten haben sie neun planetarische Grenzen herausgearbeitet, deren jeweilige Überschreitung den Erhalt des Umweltsystems der Erde als Ort, an dem die Menschheit existieren kann, gefährdet. In diesem Zusammenhang zeigen Rockström et al. (2009) auf, dass u.a. die Grenzlinien der Klimaerwärmung und des Rückgangs der Biodiversität auf dem Planeten bereits überschritten sind. Hier zeigt sich das Ausmaß der ökologischen Krise. Ein ökologischer Kollaps für die Natur und somit - egal ob auch oder nur - für den Menschen kann nur durch eine drastische Veränderung der Gesellschaft in ihrer Produktionsweise und Kultur verhindert werden.

Die ökologische Krise steht nicht für sich, sondern ist Ausdruck dessen, dass Gewinne im Kapitalismus nur durch Ausbeutung generiert werden - der Ausbeutung des Menschen und der Ausbeutung eben auch der Natur (und damit mittelbar auch zukünftiger Menschen, die auf einen ökologisch intakten Planeten angewiesen sind). Kapitalismus als ein System, welches auf Konkurrenz, der Prämisse der Rentabilität und dem Wettlauf um schnelle Vermehrung des Kapitals basiert, steht dem Gedanken natürlicher Kreisläufe oder Gleichgewichte diametral entgegen. Partielle Reformen, wie sie zum Beispiel die Modelle der "Green Economy" bzw. "Green New Deal" zum Ziel haben ohne dabei den immanenten Widerspruch von Kapitalismus und Nachhaltiger Entwicklung zu erkennen, sind zum Scheitern verurteilt. Weit verbreitet ist die Idee vom Versuch der Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch. Diese ist zumindest unter dem Leitgedanken globaler Gerechtigkeit nicht umsetzbar (Brand, 2015). Hoffnungen auf eine zukünftige Bekämpfung der ökologischen Krise mit Hilfe von Modernisierung müssen unter Bezugnahme auf das Jevons Paradoxon weitgehend enttäuscht werden. Es hat sich gezeigt, dass das Einsparpotential bei Effizienzsteigerungen (zum Beispiel im Fall von Energiesparleuchten) in den meisten Fällen nicht genutzt wird. Im Gegenteil: In der Regel führen solche Einsparungen durch erhöhte Wirtschaftlichkeit zu einem ansteigenden Verbrauch (zum Beispiel durch eine Ausweitung der Beleuchtungszeiten).

Entscheidend ist, dass umfassend gedacht wird. Während Effizienzstrategien (d.h. weniger Verbrauch bei gleichen Prozessen) und Konsistenzstrategien (d.h. Weiterverwendung von Produkten als biologischer oder technologischer Rohstoff) vor allem auf technische Neuerungen setzen, zielen Suffizienzstrategien auf eine von innen und außen gesteuerte Veränderung der Verhaltensmuster (Stengel, 2011). Es braucht also den Dreiklang. Nichtsdestotrotz wird das nicht reichen und eine Abkehr vom Dogma stetig wachsender Gewinne, die ständiges quantitatives Wachstum erfordern, sowie von der Ausbeutung von Mensch und Natur, ist notwendig. Dass der "Green New Deal" zu kurz gedacht ist, wird auch deutlich an dem Versuch, durch Ökosystemdienstleistungen den Wert der Natur für den Menschen zu bestimmen und für Wirtschaftsmodelle quantifizierbar zu machen. Aus der begrüßenswerten Intention Natur- und Umweltschutz im Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu berücksichtigen, entsteht der Irrglaube, Ökosysteme seien in ihrer Komplexität durchschau-, mess- und abbildbar. Beispielsweise sind aus unserer Sicht Bienen nicht durch Bestäubungs-Drohnen ersetzbar, u.a. weil die Folgen davon nie vollständig abschätzbar sind. Mittelfristig sollte ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem angestrebt werden in dem das Wohl von Mensch und Umwelt anstatt Kapitalakkumulation bestimmendes Moment sind.

Dabei muss auch die kulturelle Entfremdung des Menschen von der Natur aufgehoben werden: Nur wenn der Mensch die Natur nicht mehr lediglich als Rohstoffquelle oder Kostenfaktor in der Produktion sieht, sondern das dauerhafte metabolische Austauschverhältnis zu ihr erkennt, kann es eine Gesellschaft geben, die sich erfolgreich einer nachhaltigen Entwicklung verschreibt. Interessante Ideen gibt es aus unserer Sicht in einzelnen Strömungen innerhalb der Postwachstumsbewegung (womit jedoch nicht die konservative Strömung, vgl. Schmelzer, 2015, gemeint ist). Dazu gibt es bisher kaum Forschung, geschweige denn Lehre. Das muss sich ändern. Es sollte z.B. auch im Bereich der wissenschaftlichen Politikberatung möglich sein, grundlegende Alternativen zum Status Quo mitzubedenken. Victor (2008) modelliert als bisher einer der Einzigen ein Degrowth-Szenario für Kanada, in dem aufgezeigt wird, dass mit mehreren Maßnahmen, wie u.a. einer radikalen Arbeitszeitverkürzung und der Einführung einer CO2-Steuer, geringeres Wirtschaftswachstum nicht zwingend mit hoher Arbeitslosigkeit eingehergehen muss. Teil der progressiven Postwachstumsbewegung ist ebenso die Idee des demokratischen Ökosozialismus. Demokratischer Ökosozialismus bricht mit der produktivistischen Ideologie des Fortschritts und distanziert sich damit von der Expansionslogik, die die Umwelt zerstört (siehe beispielsweise Löwy, 2016). Ziel des demokratischen Ökosozialismus ist es, Grundlagen des (marxistischen) Sozialismus mit ökologischer Kritik zu verbinden. Ein wesentliches Element ist es beispielsweise, den Tauschwert dem Gebrauchswert unterzuordnen, Produktion also an sozialen und ökologischen Bedürfnissen zu orientieren und sich so von Expansionslogik und dem gesellschaftlichen Imperativ zu repräsentativem Konsum zu verabschieden. Um eine solche Ausrichtung zu realisieren bedarf es der Produktionsmittel als kollektives Eigentum sowie einer demokratischen Planung, die die Wahrnehmung des gesellschaftlichen Gesamtinteresses garantiert.

Die Kritik am aktuellen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem entbindet aus unserer Sicht nicht vom Handeln, sondern verlangt, dass wir gemeinsam für politische Veränderungen ( z.B. Beschluss der 33. BMV zu Klimaschutz im 21. Jahrhundert www.campusgruen.de/themen/beschluesse/9061632.html) wirken! Diese Auseinandersetzung ist nicht nur als ökologische, sondern auch soziale und feministische zu verstehen. Diese Zusammenhänge beschreiben wir auch als nachhaltige Entwicklung.

Auf Basis der vorangegangen Ausführungen setzt sich der Campusgrün Bundesverband ein für:

  • einen Wandel des Verständnisses vom "Green New Deal" (Beschluss der 19. BMV am
  • 19.09.09) hin zu einer alternativen kapitalismuskritischen Sicht auf die "ökologische Krise" als Campusgrün Bundesverband

  • die Verankerung von kritischen Ansätzen innerhalb gesellschafts-, insbesondere
  • auch wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge sowie in fachübergreifenden Bereichen (z.B. Studium Generale, Wahlbereiche etc)

  • Förderung von Forschung zu Postwachstum und demokratischem Ökosozialismus als
  • Teil dessen

  • Thematisierung der obigen Ausführungen des Verhältnisses von Wirtschaftssystem und
  • Ökologie in Umwelt- & Nachhaltigkeitsbewegungen Wir wollen nicht nur Symptome bearbeiten, sondern wirklich etwas verändern. Change the System. Not the Climate.

Literatur

Rockström et al. (2009). Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity. www.agro.uba.ar/gran-chaco/sites/default/files/pdf/sem6/Rockstorm%20et%20al%202009.pdf

www.campusgruen.de/themen/beschluesse/2814554.html

Schmelzer (2015). Spielarten der Wachstumskritik. In: Barbara Bauer et al (2015).

Atlas der Globalisierung. Weniger ist mehr. Berlin: Le Monde diplomatique/ taz Verlags- und Vertriebs GmbH. Brand, U. (2015).

Löwy (2016): Ökosozialismus. Die radiakale Alternative zur ökologischen und kapitalistischen Katastrophe. Hamburg:

LAIKA Stengel, O. (2011). Suffizienz. Die Konsumgesellschaft in der ökologischen Krise. Wuppertaler Schriften zur Forschung für eine nachhaltige Entwicklung. Band 1. München: oekom.

Clark, Foster und York (2011). Der ökologische Bruch. Hamburg: LAIKA

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