"Das deutsche Hochschulsystem ist sozial extrem selektiv"

30.03.2009: Studentenwerks-Präsident Prof. Dobischat im Interview

Das Deutsche Studentenwerk (DSW) sieht sich nicht nur als Zusammenschluss der lokalen Studentenwerke, sondern auch als Interessensvertretung für Studierende - insbesondere im sozialen Bereich.

Inga Müller wollte von DSW-Präsident Prof. Dr. Rolf Dobischat wissen, wo er die größten Probleme und den nötigsten Veränderungsbedarf sieht.

Dobischat ist Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität Duisburg und beschäftigt u.a. mit der Bildungs- und Berufsforschung.

Herr Dobischat, wie versucht das Deutsche Studentenwerk die soziale Situation der Studierenden zu verbessern?

Indem wir für ein starkes BAföG und gegen Studiengebühren kämpfen, und indem wir uns gleichzeitig für eine soziale Öffnung der deutschen Hochschulen engagieren. Das deutsche Hochschulsystem ist sozial extrem selektiv; von 100 Akademikerkindern studieren 83, aber von 100 Kindern aus Familien ohne akademische Tradition sind es nur 23. Das ist eine soziale Polarisierung von Bildungschancen und beschämend für eine Demokratie.

Hat sich die finanzielle Situation der Studierenden in den letzten Jahren verändert? Woran liegen diese Veränderungen?

Was wir mit unseren regelmäßigen Studierenden-Befragungen feststellen mussten: Die Hauptlast der Studienfinanzierung tragen immer stärker die Eltern. 90% der Studierenden werden von ihren Eltern finanziell unterstützt. Insgesamt tragen die Eltern mit 52% zu den Einnahmen der Studierenden bei, das BAföG mit 14% und das Jobben mit 24%.

Im Jahr 1990 sah die Verteilung anders aus: Eltern 45%, BAföG 20%, Jobben 25%. Der BAföG-Anteil an den studentischen Einnahmen hat sich also zu Lasten des Eltern-Anteils verringert. Deshalb sagen wir als Deutsches Studentenwerk: Wir brauchen eine starke staatliche Studienfinanzierung wie das BAföG! Hochverzinsliche Kredite sind die falsche Antwort. Wir brauchen in der Studienfinanzierung mehr Staat und weniger Markt.

Wie sieht das ideale Studienfinanzierungsmodell aus der Sicht des Deutschen Studentenwerks aus?

Ein starkes, jährlich erhöhtes BAföG, das die tatsächlichen Lebenshaltungskosten deckt und daneben ein großzügiges, flächendeckendes Stipendiensystem, das mehr als die bisher 2% der Studierenden erreicht.

Welche Wege sieht das DSW um die Studierendenzahlen erhöhen?

Indem sich die Hochschulen sozial öffnen und wir ein Hochschulstudium für alle Begabten attraktiv machen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft oder dem Geldbeutel ihrer Eltern. Soziale Öffnung, das heißt für mich: Ausreichend Studienplätze, weniger Numeri clausi, ein starkes BAföG, mehr Beratung, vor allem zur Studienfinanzierung, keine Studiengebühren, mehr Stipendien.

Was sind die wichtigsten Serviceangebote der Studentenwerke an die Studierenden?

Die 58 Studentenwerke bieten den zwei Millionen Studierenden alles, damit Studieren gelingt: Mehr als 720 Mensen und Cafeterien, wo man sich gesund und preisgünstig ernähren kann; mehr als 1.000 Wohnanlagen mit 180.000 Plätze, wo man unschlagbar günstig wohnen kann; jährlich BAföG im Umfang von etwa 1,5 Milliarden Euro.

Weitere Leistungen der Studentenwerke: Sozialberatung, Psychologische Beratung, Beratung für Studierende mit Kind, für Studierende mit Behinderung oder chronischer Krankheit; mehr als 180 Kitas mit 5.500 Plätzen sowie zahlreiche Kulturangebote, von der Förderung studentischer Kulturgruppen über Studentenclubs bis hin zu Kursen und Workshops.

Das ist wirklich eine Fülle an Serviceangeboten für die Studierenden. Wie finanzieren sich die Studentenwerke denn?

Zu zwei Dritteln aus eigener Kraft, aus erwirtschafteten Einnahmen. Die Studentenwerke sind also ganz klar am Markt und richten ihre Service- und Beratungsangebote gemeinsam mit den Studierenden immer besser aus. Die Studierenden machen mit ihren Semester- oder Sozialbeiträgen inzwischen mehr als 14% der Gesamteinnahmen aus. Die Länder hingegen finanzieren die Studentenwerke nur noch mit knapp 12% - Anfang der 1990er Jahren betrugen die Länderzuschüsse noch fast 25%. Wir beobachten mit großer Sorge, wie stark sich die Länder aus ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den Studierenden zurückziehen. Die restlichen Einnahmenquellen sind die Aufwandsentschädigung, die die Studentenwerke für die Umsetzung des BAföG erhalten sowie meist kommunale Zuschüsse für die Kitas.

Das deutsche Studentenwerk betont immer wieder, dass es sich als Interessenvertretung der Studierenden versteht. An welchen Stellen wird es den Studierenden denn ermöglicht sich in die Arbeit der Studentenwerke einzubringen?

An oberster und wichtigster Stelle. Die Studierenden sind in den Studentenwerken in den Organen teils paritätisch vertreten, oft stellen sie die Vorsitzenden. Darauf legen wir Wert: Die Studentenwerke sind aus studentischen Selbsthilfeinitiativen entstanden und noch heute bestimmen die Studierenden in den Gremien der Studentenwerke die Geschicke ganz entscheidend mit. Unsere Arbeit lebt von einer starken studentischen Mitbestimmung – übrigens auch bei uns im Bundesverband, dessen Vorstand die Studierenden mit Drittelparität angehören.