Klimaneutrale Leuphana: Zwischen Schein und Sein.

20.10.2009: campus.grün Lüneburg bewertet Anspruch und Realität des Projekts "Klimaneutrale Leuphana"

Dieser Artikel stammt aus dem Blog von campus.grün Lüneburg, wo ihr viel über weitere Aktivitäten der Hochschulgruppe nachlesen könnt.

Dass unsere Universität die erste klimaneutrale Uni der Welt werden soll, gehört mittlerweile zum Allgemeinwissen unter Studierenden an der Leuphana. Erinnern wir uns zurück: Im Mai 2007 ging die Universitätsleitung überraschend mit der Ankündigung an die Öffentlichkeit, in Zukunft klimaneutral arbeiten zu wollen. Das Presseecho war dementsprechend:

"Die Leuphana Universität Lüneburg ist die erste Universität weltweit, deren zentraler Campus klimaneutral arbeitet und so das Klima in vollem Umfang schützt.", werden Uni-Präsident Spoun und Prof. Dr. Schaltegger in der Landeszeitung und im Hamburger Abendblatt vom 30.05.2007 zitiert.

In einem ersten Schritt wurden 1.209 Tonnen Kohlendioxid, die durch den Strom- und Wärmeverbrauch am Standort Scharnhorststraße entstanden, ausgeglichen. Dafür wurden Zertifikate an einem Biomasse-Projekt in Indien gekauft, und so wurde belegt, dass die Emissionen an anderer Stelle vermieden werden.

Das Vorhaben wurde von Teilen der Studierendenschaft begrüßt. Bereits damals wurde in einem Artikel in der AStA 2.0 darauf hingewiesen, dass es sich um einen ehrgeizigen Plan handelt, der jedoch zunächst einmal erfolgreich vermarktet wird und zur Imagepflege beiträgt. Immerhin ließ sich damals Umweltminister Gabriel ein lobendes Statement zur Klimaneutralität abringen.

Das Konzept zur Klimaneutralität sieht vor, bis 2012 die Emissionen schrittweise zu senken und den verbleibenden Rest zu neutralisieren. In dem Konzept wird selbstbewusst behauptet: "Das Ziel der klimaneutralen Universität wird in einem 5 Jahresprogramm erreicht." Weiter heißt es: "Nach der Klimaneutralität des Hauptstandortes im Jahr 2007 werden die drei weiteren - Volgershall, Suderburg und Rotes Feld - klimaneutralisiert."

Eine Anfrage vom AStA-Ökologiereferat und campus.grün Lüneburg bei der Umweltkoordination ergab nun, dass genau das für das Jahr 2008 nicht erfolgt ist. Geplant war, neben dem Hauptcampus auch die CO2-Emissionen aller anderen Standorte zu neutralisieren. Nach Informationen von Irmhild Brüggen, Umweltkoordinatorin an der Uni, ist dies an fehlenden finanziellen Mitteln gescheitert. Die Uni setze nun vorrangig daran, nicht über die Kompensation von Emissionen eine Klimaneutralität herzustellen, sondern dies eigenhändig durch den Ausbau CO2-armer Energieerzeugungsanlagen (z.B. Solarenergie und Biomasse) auf dem Campus zu schaffen.

Nach unserer Ansicht ist ein solches Vorgehen jedoch nicht nur unrealistisch, sondern auch unehrlich gegenüber der Öffentlichkeit. Unrealistisch ist es, in wenigen Jahren die Klimaneutralität selbst zu realisieren. Dazu müsste die Universität umgehend auf Ökostrom wechseln, bei dessen Erzeugung kein klimaschädliches CO2 entsteht. Beim derzeitigen Strommix der e.on Avacon entstehen laut Umwelterklärung der Uni 386 g/kWh. Die Uni müsste zudem CO2-freie Wärmeenergie beziehen - derzeit werden alle drei Standorte mit fossiler Energie beheizt. Nach eigenen Angaben ist die Universität jedoch noch bis 2014 an die Lieferung der Wärme aus dem Blockheizkraftwerk nahe des Hauptcampus‘ gebunden. Wenn schließlich auch - so wie es das Konzept vorsieht - für den Verkehr, also für Dienstreisen und den Pendelverkehr der Universitätsmitglieder, eine Klimaneutralität erreicht werden soll, dann müssten alle diese Transportmittel bis dahin selbst klimaneutral betrieben werden.
Fassen wir zusammen: Obwohl es wichtig und richtig ist, die Treibhausgasemissionen selbst zu minimieren, etwa durch bessere Wärmeisolation, stromsparende Beleuchtung oder Verkehrsreduktion, lässt sich die Klimaneutralität nicht allein durch solche Maßnahmen erreichen. Hinzu kommen muss die Neutralisierung der verbleibenden Emissionen, wie sie im Jahr 2007 begonnen wurde. Das Ziel der Klimaneutralität bleibt bestehen und ist ambitioniert. Es ist jedoch ohne den Wechsel auf ökologische Alternativen in der Strom- und Wärmeversorgung und ohne Neutralisation vollkommen unrealistisch und utopisch.

Viel wichtiger ist jedoch der zweite Aspekt des Ganzen: Die Uni-Leitung hat vor zwei Jahren ein ehrgeiziges Ziel formuliert und die Bereitschaft gezeigt, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und im Kampf gegen den Klimawandel ihren Beitrag zu leisten. Das Ergebnis waren flotte Schlagzeilen wie "Prima Klima auf dem Campus" (LZ). Nun aber verschweigt die Uni-Leitung der Öffentlichkeit, dass schon allein der Hauptcampus ein Jahr später nicht mehr klimaneutral war. Vielmehr hat die Uni laut Umwelterklärung den Ausstoß von 2.304 Tonnen CO2 verursacht, die - entgegen der Ankündigung - an keiner Stelle ausgeglichen wurden. In unseren Augen ist das wenig glaubwürdig. Es muss dem Präsidium bereits vor zwei Jahren bewusst gewesen sein, dass ein erheblicher finanzieller Aufwand zu leisten ist, um die Universität klimaneutral arbeiten zu lassen. Dies verstärkt den Eindruck, dass mit der werbewirksamen Ankündigung lediglich etwas grüner Lack an die Leuphana-Fassade gepinselt wurde.

Wenn man die bei einem Flug entstehenden klimaschädlichen Emissionen einmalig ausgleicht, kann man nicht behaupten, man fliege für alle Zeiten klimaneutral - höchstens "ich bin auf diesem einen Flug klimaneutral geflogen". Genauso sollte es jetzt das Präsidium tun: die Öffentlichkeit darüber informieren, dass die Klimaneutralität derzeit nicht gegeben ist. Oder noch besser: die Emissionen aus 2008 nachträglich ausgleichen.

Timo Eckhardt, AStA-Ökologiereferent Leuphana-Uni Lüneburg
Matthias Schröter, campus.grün Lüneburg

Langfassung des Konzepts zur Klimaneutralität aus dem Jahr 2007