Gender Studies unter Druck - nicht nur von Rechts!

11.11.2017: Nicht erst seit dem Aufstieg der AfD kommen Gender Studies in Deutschland unter massiven Druck. Sie werden unter dem Vorwand der Unwissenschaftlichkeit von verschiedenen Akteur*innen des rechtskonservativen Spektrums, aber auch von der vermeintlichen "Mitte" der Gesellschaft heraus heftig kritisiert und es werden Forderungen nach deren Abschaffung in Wahlprogrammen und Anträgen in den Parlamenten gestellt.

Beispiele dafür lassen sich zahlreich finden:

CDU/CSU, FDP und AfD - Proteste gegen den Bildungsplan der grün-roten Landesregierung Baden-Württembergs im Jahr 2015. Gemeinsam mit religiösen Gruppierungen betreiben diesen Aktivismus gegen eine angebliche "Verschwulung" und "Frühsexualisierung" von Kindern, gegen Schwangerschaftsabbrüche, gegen geschlechtssensible Sprache; sie sehen in Gender eine Ideologie und Meinungsdiktatur, deren Konsequenz "stalinistische Umerziehungslager" seien. Auch der Vatikan unterstützt den "Kampf gegen die Gender-Ideologie", auch und vor allem in seinen Zielen, das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und damit körperliche Selbstbestimmung zu unterminieren.

Viele Dynamiken und Argumentationslinien können in diesem Spektrum ausgemacht werden¹:

1) Positivistisches Verständnis von Wissenschaft: Gegner*innen wenden sich gegen sozialkonstruktivistische Erklärungsansätze und behaupten etwa in ihrer Geschlechtervorstellung den Primat der Biologie (oder Gottes) über die Kultur und die Gesellschaft. Nicht zuletzt speist sich dieser Argumentationsstrang aus einem in den vergangenen Jahren zunehmenden Antiintellektualismus, der Ähnlichkeiten zur Klimawandelleugnung aufweist.

2) Festhalten an traditionellen Institutionen: Ehe und Familie werden als bedroht wahrgenommen und Versuche, diese starren Strukturen aufzubrechen, als Perversion ("Verschwulung", "Frühsexualisierung") gewertet. Bezeichnend ist hierbei die Gleichsetzung von nicht-heterosexuellen Sexualitäten mit Pädophilie. Der Traditionalismus speist sich sowohl aus religiösen als auch aus Motiven der Volkserhaltung.

3) Orientierung an konkreten politischen Richtlinien: Viele Gegner*innen beißen sich am Feindbild des "Gender Mainstreaming" fest. Sie sehen darin die Manifestation eines "Staatsfeminismus", der "von oben" die Geschlechter auflösen will - dabei ist dekonstruktivistischer Feminismus noch nicht einmal in staatlichen Institutionen angekommen, geschweige denn in allen und flächendeckend. So arbeitet Gender Mainstreaming, wie es die EU-Richtlinie vorgibt, durchaus mit einer binären Vorstellung von Geschlechtern. Doch die Argumentation von Gegner*innen suggeriert eine ständige Gängelung durch EU-Bürokratie, was sich wiederum in einen Dualismus von "wir da unten" gegen "die da oben" übersetzen lässt. Hierzu passt, dass die Diffamierungen von Gender Studies stets von einer Gebärde des "Tabubruchs" und des "Wahrheitsagens gegen die Meinungsdiktatur" begleitet sind. Auf diese Weise verbindet sich Antietatismus mit Querfront-Ideologie. Auf diese Weise wird ersichtlich, dass diese Argumentationslinien nur einen Schritt von der Behauptung entfernt sind, die Nation werde - durch Wissenschaft, durch Politik - aufgelöst (Stichwort "Deutschland schafft sich ab"). Der antifeministische Backlash steht also in Verbindung zu religiös-konservativen Bewegungen und der Neuen Rechten: Frauen* wird das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper abgesprochen, stereotype Verhaltensweisen werden auf biologische "Tatsachen" zurückgeführt. Vieles spricht dafür, dass Antifeminismus das gemeinsame Band sämtlicher rechtspopulistischer und konservativer Denkrichtungen darstellt. Unlängst wurde darauf hingewiesen, dass viele Rechtsextreme sich über Antifeminismus radikalisieren.² Doch sollte nicht vergessen werden, dass antifeministische Argumente und Denkweisen bis weit in eine vermeintlich fortschrittliche und "neutrale Mitte" der Gesellschaft hineinragen. Es gibt viele Brücken der oben ausgeführten Gegner*innen hin zum etablierten Bildungsbürgertum, etwa im Feuilleton von großen Tageszeitungen. Rechtspopulist*innen aktivieren die antifeministischen Aspekte von traditionellen bürgerlichen Werten wie Familie und Ehe und werten sie um in die angebliche Zerstörung nicht nur dieser gesellschaftlichen Institutionen, sondern gleich des ganzen Volkes. Campusgrün stellt sich allen entgegen, die den gesellschaftlichen Backlash vorantreiben wollen und steht für eine kritische Wissenschaft ein, die stets das Hinterfragen gesellschaftlicher Machtrelationen zum Ziel hat und diese nicht als statisch gegeben, sondern gesellschaftlich-historisch bedingt sieht. Gerade Gender Studies haben den Anspruch, gesellschaftliche Unterdrückungsmechanismen aufzudecken und bieten so Potenzial für politische Schlussfolgerungen. Somit erkennt Campusgrün die interdisziplinäre Geschlechterforschung als notwendigerweise voranzutreibende Wissenschaft, die gerade in Anbetracht des aktuellen Backlashs wichtig ist, um zu analysieren, welche Geschlechterrollenverständnisse in der gegenwärtigen Gesellschaft verhandelt werden. Campusgrün ist davon überzeugt, dass das aktuelle Ansteigen von Nationalismus, Chauvinismus, Islamophobie, Antisemitismus, Rassismus, Antifeminismus sowie Homo- und Transphobie strukturelle Zusammenhänge aufweist, die es wissenschaftlich zu beleuchten und politisch zu bekämpfen gilt. Postessentialistische Geschlechtskonzepte - also solche, die nicht "das Wesen der Frau" oder "des Mannes" zugrunde legen, sind notwendig, um Menschen aus der Zwangsjacke sozialer Zuschreibungen loszulösen. Hierfür sind die Gender Studies federführend. Campusgrün fordert dementsprechend ein Nachwuchswissenschaftler*innenprogramm für die Gender Studies und Plattformen, die die Vernetzung mit anderen kritischen Wissenschaftszweigen wie der Disability Studies, der Black Studies und Queer Studies tragen können. Schließlich sieht Campusgrün es als seine Aufgabe, die diskursive Logik der oben beschriebenen rechtskonservativen und -populistischen Argumentationen aufzudecken und dagegen anzugehen.

Quellen:

Lanwer, Michelle/Schutzbach, Franziska: "Ich kann euch alle haben." Maskulinitätsideologien und Rechtsnationalismus. Online unter: 08.10.2017

Zu den Akteur*innen in der Anti-Gender-Szene ist folgende Studie aufschlussreich: Villa, Paula-Irene/Hark, Sabine (2015): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld: transcript Verlag.

Vortrag von Paula-Irene Villa vom 27.01.2016 an der TU Darmstadt ("Anti- Genderismus")