Studienkonten sind Studiengebühren sind asozial

14.06.2005: Beschluss der 11. Mitgliederversammlung des Bündnisses grün-alternativer Hochschulgruppen (BGAHG) vom 11. - 12. Juni 2005 in Springe (Niedersachsen)

Bildung meint mehr als den Erwerb von Wissen, das nur auf ökonomische Verwertbarkeit ausgerichtet ist. Bildung ist ein öffentliches Gut und muss öffentlich finanziert werden. Studiengebühren vergrößern bestehende soziale Ungerechtigkeiten beim Hochschulzugang. Dies widerspricht dem Ziel des Bündnisses grün-alternativer Hochschulgruppen (BGAHG), die Teilhabe an Bildung auf eine breitere Basis zu stellen. Deshalb lehnen wir Studiengebühren in jeder Form ab, was auch Studienkontenmodelle, Langzeitstudiengebühren und Studien Credit-Modelle umfasst.

Damit bekräftigen wir den Beschluss der 8. Mitgliederversammlung des BGAHG vom Dezember 2003 in Hamburg.

Da der Zugang zu Wissen einen wesentlichen Faktor zur sozialen Teilhabe darstellt, ist jede Form von Studiengebühren unvereinbar mit GRÜNER Programmatik. Die grundsätzliche Unterfinanzierung des herrschenden Bildungssystems kann nicht durch Studiengebühren behoben werden. Die sozialen, kulturellen und politischen Aspekte der Bildung werden außer Acht gelassen, wenn Auswahl und Gestaltung des Studiums vorrangig durch Marktmechanismen organisiert werden. Alle Modelle weisen, wie die folgenden Aspekte exemplarisch darstellen, erhebliche Probleme auf.

  • Studiengebühren stellen ein Ablenkungsmanöver dar. Sie spiegeln vor, die bestehenden Finanzierungslücke schließen zu können und verhindern damit, deren wirkliche Behebung.
  • Wir lehnen eine Rationierung der Studienzeit ab, die das lebenslange Lernen konterkariert. Darüber hinaus verhindert sie selbstbestimmte Organisation der Biographie bereits im Erststudium, wie sie beispielsweise durch ein Teilzeitstudium möglich wäre. Regelstudienzeiten stellen eine
  • Anforderung an Hochschulen dar, in welcher Zeit ein Studiengang strukturell erfolgreich abschließbar sein muss und keinen Richtwert und keine Pflicht der Studierenden diesen Zeitrahmen einzuhalten. Strafen für Studierenden bei Überschreitung der Regelstudienzeit sind deshalb abzulehnen. Sonst wird keine Rücksicht genommen auf individuelle Lebensumstände und -entwürfe, zum Beispiel Kindererziehung, Pflege von Familienangehörigen, soziales und politisches Engagement, Krankheiten oder Behinderungen benötigen besondere Berücksichtigung.

  • Insbesondere Studienkontenmodelle, die eine Regelabbuchung vorsehen, können den individuellen Studien- und Lebensverläufen von Studierenden nicht gerecht werden.
  • Einige Modelle ermöglichen nicht einmal das gebührenfrei Erreichen des Masters.
  • Die Bestrafung von Studienfachwechseln schränkt die Auswahlfreiheit von Studierenden ein und kann zur Verschleppung von Fachwechseln führen. Somit wird die Wahl des richtigen Studiengänge und Schwerpunkte unnötig erschwert.
  • Die Gestaltung des Studiums anhand von individuellen Fähigkeiten und Interessen wird verhindert, wenn Studiengänge zunehmend verschult werden. Von der Norm abweichende Studien- und Lebensentwürfe werden unmöglich gemacht.
  • Modelle zur kreditbasierten oder nachgelagerten Studienfinanzierung weisen erhebliche Mängel auf. Einkommensunabhängige Rückzahlungen werden unserem Bildungsideal nicht gerecht, welches auf die Entwicklung der Persönlichkeit hin zu Mündigkeit und Selbständigkeit abzielt. Studierende aus finanziell besser gestellten Familien dürfen nicht überproportional von angebotenen Finanzierungssystemen profitieren. Das Fehlen einer Schuldendeckelung verhindert die Aufnahme eines Hochschulstudiums für viele Studierwillige und führt mittelfristig dazu, dass Studierende sich aufgrund ökonomischer Verwertbarkeit für oder gegen eine Studium entscheiden und es langfristig zu einer deutlichen Einschränkung der Fächervielfalt kommt.
  • Bildungspolitische Kleinstaaterei verhindert die Mobilität, die eigentlich mindestens Europaweit erreicht werden soll, schon innerhalb Deutschlands. "Landeskinderregelungen" und ähnliche Auswüchse führen zu unterschiedlichen Bedingungen von Land zu Land.

Eine Übereinkunft der Bundesländer zum Verzicht auf Studiengebühren ist daher unerlässlich.

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