Hochschul-EinsteigerInnen fördern statt selektieren

19.08.2004: Positionspapier des Vorstands des Bündnis grün-alternativer Hochschulgruppen zur Tagung der Grünen Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschafts-, Hochschul- & Technologiepolitik, 18./19.06.2004

1.) Universitäre Aufnahmeprüfungen dürfen nicht der Regelfall werden

Eine zweite Leistungskontrolle kurz nach dem Abitur ist nicht sinnvoll, da die Aussagekraft punktueller Wissenstests grundsätzlich schlechter ausfällt als die der allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung. Diese Tests wären ebenso mehr oder weniger bundesweit vergleichbar wie das Abitur heute. Das Abitur ist einem zwangsläufig sehr fragmentarischen Test durch die Aggregation von Leistungsüberprüfungen verschiedenster Ausprägung und Inhalts über einen längeren Zeitraum hinweg klar überlegen.

2.) Psychologische Eignungsfeststellungsverfahren fördern Diskriminierung

Psychologische Eignungsfeststellungsverfahren geben vor, Studierende finden zu wollen, die zum Profil der Hochschule passen. Die Kriterien können von Äußerlichkeiten wie Hautfarbe, Geschlecht, Behinderung oder auch nur Kleidung bis hin zu politischen Auffassungen oder psychischen Dispositionen reichen. Auswahlverfahren fördern so Diskriminierung.

3.) Auswahlverfahren der Hochschulen sind unwissenschaftlich

Hochschulische Auswahlverfahren fördern die Illusion, dass mensch mit ausreichender Selektion die 'idealen' Studierenden an die Hochschule bekommen könne. Wie im gestuften Schulsystem würde die individuelle Förderung gegenüber einer subjektiven Einzelauswahl in Vergessenheit geraten. Darüber hinaus ist es fraglich - das zeigen auch Erfahrungen mit Auswahlverfahren in anderen Staaten - was konkret unter 'ideal' zu verstehen ist. Die gängigen Vorstellungen in der bundesdeutschen Diskussion kreisen um die psychologisch wie bildungspolitisch extrem schwierigen Begriffe "Eignung" (gelegentlich auch, und noch weniger haltbar: Begabung) und "zur Hochschule passend". Während der eine Begriff methodisch wenig haltbar ist, spricht der andere sehr offen von dem, was bei realen Auswahlverfahren geschieht: Die Hochschule sucht sich BewerberInnen, die am ehesten dem vermeintlichen 'Profil' der Hochschule entsprechen, sowie dem Bild, dass die das Auswahlverfahren Durchführenden von Studierenden haben. Dies führt unweigerlich zu den in Punkt 2. genannten Diskriminierungserscheinungen.

4.) Lebensraum Hochschule als entscheidender Faktor

Viel mehr als leistungsabhängige und psychologische Faktoren, passend zu einem vermeintliches Profil der Hochschulen, ist die Ausgestaltung des Lebensraums Hochschule entscheidend für den Erfolg und die Qualität eines Studiums. Der Lebensraum Hochschule spielt für die meisten Studierenden eine wesentlich größere Rolle und hat teils enorme Auswirkungen auf Motivation, Teilhabe am Hochschulbetrieb und damit auf den Studienerfolg. Eine Hochschule als Lebensraum braucht mehr als bisher und dem aktuellen Trend entgegen eine gelebte Gemeinschaft aus Lehrenden, Forschenden und Studierenden, also auch eine konsequent gelebte Demokratie und Solidarität.

5.) Auswahltests kosten zu viel Zeit und Geld

In einer Situation angespannter Ressourcenausstattung müssten Arbeitskräfte und Personalmittel aus der Lehre und der Studienberatung abgezogen werden, um Prüfungen durchführen zu können. Noch absurder ist der Gedanke, die Kosten für Einstiegstests auf die kommenden Studierenden abzuwälzen. Wer die Kosten für den Test zusätzlich zu Verdienstausfällen für die Vorbereitungszeit und Anfahrtskosten quer durch die Republik den Jugendlichen aufbürden will, wirft jeglichen Anspruch von sozialem Ausgleich und Elternunabhängigkeit über Bord.

6.) Erweiterte Orientierungsphase senkt Studienabbruchquote

Ein Orientierungssemester oder -jahr an der Hochschule wäre der richtige Weg, um durch intensive Beratung und der Ermöglichung eines Schnupperstudiums Studierende in die Lage zu versetzen, eine endgültige Richtungsentscheidung für ihren weiteren Studienverlauf zu treffen. Die hohe Zahl an Studienabbrüchen ließe sich so reduzieren. Neben ersten Vorlesungen und Seminaren im angestrebten Studienfach sollte auch Zeit für den Besuch fachfremder Lehrveranstaltungen bleiben. Die Erfahrungen sollten– angelehnt an bereits existierende Erstsemesterseminare– in der Gruppe reflektiert werden. Der Erwerb von Leistungsnachweisen muss in die Anfangsphase des Studiums integriert werden, damit auch dieser Aspekt des Studiums einschätzbar ist. Methodisches Wissen kann so am praktischen Beispiel erworben werden.

7.) Einstiegstests begleitend zur Orientierungsphase

Im Rahmen eines solchen Orientierungssemesters könnten dann auch– unter bestimmten Voraussetzungen– Einstiegstests integriert werden. Diese dürfen nicht als Zugangshürde missbraucht werden, sondern sollten Studierenden die Möglichkeit geben, ihr methodisches und inhaltliches Vorwissen selbstkritisch reflektieren zu können. Heute schon existierende Brückenkurse sollten ausgebaut werden. Studentische Tutorien und Studienplanungsberatung können dieses Modell personell unterstützen und mit frischer Erfahrung bereichern. Durch eine regelmäßige Evaluation der studentischen und klassischen Lehrveranstaltungen wird deren Qualität dauerhaft sichergestellt.

8.) Integration von Menschen ohne Abitur durch gezielte Einzelförderung

Um unserem Ziel der Chancengleichheit und dem einer– auch wirtschaftlich aktuell dringend nötigen– höheren Studierquote näher zu kommen, muss es für mehr Menschen ohne Abitur möglich sein, ein Studium aufnehmen. Die gezielte Einzelförderung im Anschluss an einen in diesem Fall sinnvollen Einstiegstest würde diese Integration erleichtern.

9.) Wahlfreiheit für Studierende schaffen

Das Auswahlrecht für Studierende zu stärken macht nur dann wirklich Sinn, wenn den potentiellen StudienanfängerInnen auch reelle Möglichkeiten geboten werden, tatsächlich frei zu entscheiden. Hier muss Chancengleichheit für alle BewerberInnen sowie die Elternunabhängigkeit gewährleistet sein. Ausreichender, bezahlbarer Wohnraum sowie eine elternunabhängige Studienfinanzierung sind wesentliche Voraussetzungen für die Mobilität der StudienanfängerInnen.

10.) Hochschulen öffenen, Ansprüche breit diskutieren

Die Kommunikation von Hochschulen mit den Schulen und Ausbildungsstätten ihrer Umgebung muss deutlich verbessert, teilweise überhaupt erst geschaffen werden. Dabei sollte es nicht nur um Tage der Offenen Tür gehen, sondern auch um einen Austausch zwischen Lehrenden und Lernenden an Schulen und Hochschulen über die jeweiligen Ansprüche an die Wissensvermittlung sowie das spezifische existente und angestrebte Profil der Institution.

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