Positionspapier zum Bologna-Prozess

05.05.2009: Beschluss der 18. Mitgliederversammlung von Campusgrün in Würzburg

10 Jahre Bologna-Prozess- Eine gute Idee muss auch gut verwirklicht werden um gut zu sein -



Vor genau zehn Jahren initiierten die Staats- und Regierungschefs Europas mit der Sorbonne Erklärung den Start des Bologna-Prozesses. Ziel ist die Herstellung eines europäischen Hochschulraumes mit vergleichbaren Abschlüssen, es wurde jedoch auch für massive Rationalisierungsmaßnahmen missbraucht. Zehn Jahre Studienreformprozess erzeugten in Deutschland nicht nur positive Ergebnisse. Überfrachtete Studienordnungen, mangelnde Mobilität, unterfinanzierte Studienplätze und intransparente Studienverläufe überschatteten jedoch die Ziele der Reform. Die verschiedenen bildungspolitischen Akteure wie Hochschulen, Landesregierungen und das Bundesministerium für Bildung und Forschung, schieben sich gegenseitig die Schuld für die desolate Situation zu. Doch die Frage, auf welchem Rücken der Streit um die mangelhafte Umsetzung der Reform ausgetragen wird, scheint niemanden zu interessieren. Studierende sind die Leidtragenden von Kompetenzgerangel, mangelndem Gestaltungswillen und fehlender Kenntnisse der Entscheidungsträger. Damit muss endlich Schluss sein!
Campusgrün fordert eine Reform der Reform, die die vorhandenen Probleme grundlegend behebt. Deutschland zu einem sozialdurchlässigen, angemessen ausfinanzierten Hochschulsystem zu bringen, muss Ziel einer erneuten Reform der Bologna-Prozesse sein. Campusgrün bekennt sich zu den Zielen des Bologna-Prozesses, doch muss eine Neuausrichtung erfolgen. Deshalb fordern wir die unterschiedlichen bildungspolitischen Akteure zum Handeln auf:

Handlungsfeld I: Hochschul-Finanzierung
• Die geringe Bemessungsgrundlage zur Ausfinanzierung der Studienplätze ist Grund für das schlechte Betreuungsverhältnis an den Hochschulen. Deshalb wollen wir keine überfüllten Veranstaltungen mehr und Dozierende, die endlich Zeit haben für Ihre Studierenden. Deutschland setzt pro Studienplatz 5.500 € pro Jahr an. Diese Summe ist viel zu niedrig. Wir fordern als Bemessungsgrundlage zur Finanzierung von Studienplätzen den OECD-Durchschnitt von 10.600 € pro Jahr zur Grundlage zu nehmen und dabei die Finanzierung differenziert nach Art der Studienplätze zu staffeln. Ein Studium der Germanistik hat einen anderen finanziellen Bedarf, als ein Studium der Pharmazie.

• In den nächsten Jahren werden mehr Studierwillige als je zuvor an die Hochschulen strömen. Der Grund liegt zum einen in den geburtenstarken Jahrgängen und zum anderen in den doppelten Abiturjahrgängen, die in den nächsten Jahren die Hochschulreife erhalten werden. Hierzu benötigen wir mehr Studienplätze. Der Hochschulpakt I bildet hier den ersten kleinen Schritt in die richtige Richtung, doch werden nach Berechnungen der KMK mindestens 750.000 neue Studienplätze benötigt. Wir fordern Bund und Länder auf, die notwendigen Mittel bereitzustellen und bis 2012 die benötigten 750.000 Studienplätze zu schaffen, damit Deutschland endlich zur Bildungsrepublik wird.

Handlungsfeld II: gute Lehre
Um Studiengänge auch wirklich wieder studierbar zu machen, fordert Campusgrün:

• weniger Pflichtveranstaltungen in der Studienordnung, damit persönliche Schwerpunkte und Neigungen selbständig entwickelt werden.

• eine massive Reduzierung des Prüfungsmarathons. Zukünftig sollen nur noch die Modulziele und nicht mehr die einzelnen Modulveranstaltungen abgeprüft werden. Welchen Weg Studierende zum Erreichen des Modulzieles wählen, muss in ihrer Verantwortung liegen.

• Jeder BA-Absolvent hat das Recht auf einen Master-Studienplatz.

• ECTS als tatsächliches Instrument zur Messung der Arbeitsbelastung von Studierenden zu verwenden. Hierzu sind empirische Studien zu erheben, was Studierende leisten können und sollen, um neben dem Studium auch die anderen Aufgaben des Alltags bewältigen zu können.

• die Noten der ersten beiden Semester nicht mehr mit in die Abschlussnote eingehen zu lassen. Sie tauchen auch nicht als Noten im Diploma Supplement auf. So verringert sich der Leistungsdruck in den ersten beiden Semestern. Auch bilden die ersten zwei Semester nun eine wirkliche Orientierungsphase zu Beginn des Studiums.

• die gegenseitige Anerkennung von - inländischen wie ausländischen - Studienleistungen zur Erhöhung der Mobilität. Durch die Umkehrung der Beweislast müssen zukünftig nicht mehr die Studierenden nachweisen, ob die Prüfungsleitungen den Studienordnungen entsprechend erworben wurden, sondern die Hochschulen müssen beweisen, das die erbrachten Leistungen nicht mit den Anforderungen der Studienordnungen übereinstimmen.

• mehr Flexibilität bei der Gestaltung der BA/MA-Strukturen. Starre BA/MA-Strukturen nehmen gerade den Spielraum für unterschiedliche Studienziele. So soll zukünftig vermehrt auf das Modell eines achtsemestrigen Bachelors mit einem zweisemestrigen Master zurückgegriffen werden, wie es inzwischen in den südeuropäischen Ländern üblich ist.

• endlich ein Teilzeitstudium zu ermöglichen. Bund, Länder und Universitäten müssen hier die richtigen Rahmenbedingungen schaffen. Angefangen von der Studienfinanzierung über die Studienordnungen bis hin zur Mobilität, müssen die notwendigen Grundlagen für ein Teilzeitstudium geschaffen werden.

• Eine Qualitätssicherung von Studiengängen muss unter dem besonderen Fokus der Studierbarkeit und unter maßgeblicher Beteiligung von Studierenden vorgenommen werden.

Handlungsfeld III: soziale Dimension
Hohe Selektivität ist immer noch eines der bedeutendsten Merkmale des deutschen Bildungssystems. Diese beginnt schon im Kindesalter und tritt dann im tertiären Bildungssektor gravierend zu Tage. So besuchen Kinder aus Arbeiterfamilien dreimal weniger die Hochschule, als Kinder aus Akademikerfamilien. Campusgrün fordert entscheidende Maßnahmen zur Gestaltung eines gerechteren Bildungssystems:

• Abschaffung jeglicher Studiengebühren. Studiengebühren fördern die soziale Selektivität wie eine aktuelle Studie des BMBF zeigt und verhindern das junge Menschen aus sozial schwächeren Schichten ein Studium aufnehmen.

• JedeR Hochschulzugangsberechtigte hat Anspruch auf einen Studienplatz. Sind aus einem Mangel an finanziellen Ressourcen jedoch nicht genügend Studienplätze vorhanden, müssen die angewendeten Auswahlkriterien transparent, gerecht und für die Studierenden kostenneutral erfolgen. Die Aufnahmekriterien müssen objektiv und begründbar sowie passend zum Studiengang sein. Die Studierenden müssen gemäß den Kriterien einen Rechtsanspruch auf den Studienplatz und auf Überprüfung der Kriterien haben.

• Verstärkte Betreuungs- und Beratungsangebote um den Übergang von der Schule zum Studium durchlässiger zu gestalten. Viele junge Menschen haben noch zu wenige Kenntnisse über die Chancen und Risiken die ein Hochschulstudium bietet. Hierzu sind ein intensives Beratungssystem, sowie verschiedene Schnupper- und Kennlern-kurse zur Einführung in den Hochschulalltag unumgänglich.

• Verstärkt Studierende in besonderen Lebenslagen fördern. Hochschulen müssen zukünftig gezielt Programme für Bildungsinländer aber auch Bildungsausländer konzipieren, um der Migrationsproblematik gerecht zu werden. Studierende mit Kind erfahren in Deutschland immer noch viel zu wenig Unterstützung. So benötigen die Hochschulen mehr Kita-Plätze und Betreuungsangebote. Auch brauchen Kinder von Studierenden eine Kindergrundsicherung, um nicht in die Armutsfalle zu gelangen.

Nachrichten