Mit Sicherheit gut forschen - Ein neuer Vertrag mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs

10.05.2015: Am 24.04.2015 veranstaltete die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen ein öffentliches Fachgespräch zum Thema "Mit Sicherheit gut forschen - Ein neuer Vertrag mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs", unter anderem mit Kai Gehring, Sprecher für Wissenschaft, Hochschule und Forschung. An diesem Fachgespräch nahmen auch zwei Vertreter*innen von Campusgrün teil. Es gab einen angeregten Austausch über die derzeitige Situation und vor allem die Probleme des wissenschaftlichen Nachwuchses. Als Fazit bleibt für uns: Bei dem Status quo kann es nicht bleiben - die Arbeitsbedingungen und Zukunftsaussichten des wissenschaftlichen Nachwuchs müssen drastisch verbessert werden, damit unser wissenschaftlicher Betrieb funktionsfähig bleibt. Im Folgenden ein ausführlicher Bericht über die Veranstaltung von Kai Gehring.

Mit Sicherheit gut Forschen

Die grüne Bundestagsfraktion hat zum Fachgespräch geladen - und fast 100 Interessierte, Verantwortliche und Betroffene sind gekommen.

Anlass des Fachgesprächs ist die Besorgnis erregende Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses hierzulande. Die Bundestagsfraktion diskutierte mit Fachleuten und Gästen, welche Möglichkeiten die Grundgesetzänderung im Hochschulbereich eröffnet, dem wissenschaftlichen Nachwuchs endlich nachhaltig bessere Perspektiven zu geben.

Zum Einstieg des Fachgesprächs beschrieb ein prominenter "Aussteiger" aus dem deutschen Wissenschaftssystem seine Erfahrung: Der Fraktionsvorsitzende Dr. Toni Hofreiter fand nach seiner Promotion seine Zukunft in der Wissenschaft nicht in Deutschland, sondern war schon auf dem Weg nach Skandinavien. Geprägt von seinen eigenen Erfahrungen, forderte er, dass sich das Personalsystem an deutschen Hochschulen weg von der Pyramide mehr einem Zylinder annähere. Das Missverhältnis von breiter Basis zu schmalster Spitze sei zu krass.

Kai Gehring, der Sprecher für Hochschule, Wissenschaft und Forschung, wies auf die übergeordnete Bedeutung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für soziale, ökologische und ökonomische Innovationen hin.

"Forscher, die neu und quer denken, sind die Ideengeber von morgen. Aus ihren Ideen entstehen Ideen entstehen soziale und ökologische Innovationen. Und Innovationen sind die Quelle zukünftigen Wohlstandes."

Kai Gehring kritisierte die Untätigkeit der Regierungskoalition, die trotz zahlreicher Hinweise auf die offensichtliche Schieflage bei der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses lange untätig geblieben ist - trotz verbesserter Möglichkeiten durch die Grundgesetzänderung. Die grüne Bundestagsfraktion hat schon lange die Oase beschrieben und erst jetzt - langsam - scheint sich die Koalitions-Karawane in Bewegung zu setzen. Zu langsam für die aktuelle Generation der Nachwuchswissenschaftler.

Panel 1: Her mit den Stellen! Aber welche? Und wieviele?

Das erste Panel des Fachgesprächs befasste sich mit Problemanalyse und Zustandsbeschreibung. Moderiert wurde das Panel von Mariel Luise von Halem, MdL und Vorsitzende des Ausschusses für Wissenschaft, Forschung und Kultur im Landtag Brandenburg, die das Panel fachkundig leitete.

Den ersten Input gab Prof. Remigius Bunia, der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft Juniorprofessur e.V. Er beschrieb das Ausmaß der Unzufriedenheit und die Dringlichkeit von Verbesserungen. Um im Bild zu bleiben: Das System entwickelt sich nicht hin zum durchlässigen und chancenreichen Zylinder, sondern in den letzten Jahren immer mehr zur breiten Pyramide: eine wachsende Basis mit immer geringeren Aufstiegschancen. Außerdem brachte er eine zusätzliche Erklärung, warum das Wissenschaftssystem starr, innovationsfeindlich und von "Main-Stream-Denken" geprägt sei: die Entscheidung über den Verbleib im System fälle nur ein kleiner Teil - nämlich die 10% Hochschullehrer. Um diesem Problem zu begegnen, sei eine Änderung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes nicht ausreichend. Es bedürfe vielmehr eines Programms, das die Personalstruktur nachhaltig verändere. Für ihn ist nicht die konkrete Ausgestaltung der Personalstrukturen wichtig - entscheidend ist ein deutlicher Aufwuchs an unbefristeten Stellen, deren Inhaber frei forschen können und bei Personalentscheidungen mitbestimmen können.

Den zweiten Input gab Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg. Die gegenwärtige Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses stelle ein Gerechtigkeitsproblem, ein Strukturproblem und ein Qualitätsproblem dar. Sie berichtete von den Anstrengungen des Landes Baden-Württemberg, die Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses zu verbessern, Karrieren planbarer und familienfreundlicher zu gestalten. Zentrale Bausteine dabei: eine attraktive Ausgestaltung der Juniorprofessur, einen Aufwuchs der Grundfinanzierung und Vereinbarungen zu Qualitätsstandards, die z.B. Vertragslaufzeiten unter zwei Jahren begründungspflichtig machen. Besonders wichtig in der aktuellen Debatte ist ihr, dass das angekündigte Programm für Nachwuchswissenschaftler*innen jetzt kommen muss. Denn "eine ganze Generation ist sonst verloren".

Im Anschluss daran waren die Referent*innen eingeladen, das soeben gehörte zu kommentieren.

Dr. Anke Burkhardt (HoF) verwies auf einen sich abzeichnenden Attraktivitätsverlust deutscher Wissenschaftskarrieren. Zwischen 2002 und 2013 ist die durchschnittliche Anzahl von Bewerbungen auf eine Professur um ein Drittel gesunken. Sie warnte vor einer zu starken Fokussierung auf die Juniorprofessur - die gesamte Breite der Qualifikationen muss in den Blick genommen werden. Den aktuell ca. 1900 Juniorprofessuren stehen 22.000 Habilitierte gegenüber, die Hälfte der Professuren wird weiterhin mit Habilitierten besetzt.

Dr. Andreas Keller (GEW) betonte ebenfalls, dass Qualität und Attraktivität wissenschaftlicher Karrieren in den Fokus der Politik gehören. 9:1 - Das Verhältnis befristet zu unbefristet sei nicht in Ordnung! Zudem muss es für Daueraufgaben auch Dauerstellen geben. Er verwies außerdem darauf, dass der Begriff Tenure Track, zur Zeit in aller Munde - auch mit Inhalt gefüllt sein müsse. Zur Zeit sei das oft wenig mehr als die Aufhebung des Hausberufungsverbots.

Prof. Rüdiger (HRK) forderte mehr Professuren, aber auch mehr dauerhafte Funktionsstellen. Nach Ansicht der HRK reicht dafür kein kleines Strohfeuer, sondern es braucht ein dauerhaftes Programm. Rüdiger beschrieb ebenfalls die Lage als dramatisch. Die HRK setzt sich für "forschungsorientierte Nachwuchsstandards" - analog zu den Gleichstellungsstandards der DFG. Trotzdem gilt:

"Selbstverpflichtungen der Hochschulen sind wirksamer als Gesetzesänderungen".

Zum Abschluss seines Statements mahnte Prof. Rüdiger, die Zahlen sauber zu nutzen: bei den sehr hohen Befristungsquoten müssten erstmal die Doktorand*innen abgezogen werden.

Dr. Schmidtmann (DFG) mahnte an, dass Befristungen nicht alleine für die Misere verantwortlich gemacht werden können. Es fehlt auch an Personalentwicklungsplänen, so sollten zu festen Zeiten Mentorengespräche stattfinden. Durch die Förderprogramme hat sich enormer Druck aufgebaut - so hat z.B. die Exzellenzinitiative für einen Schub an qualifizierten Nachwuchswissenschaftler*innen gesorgt - jetzt gibt es aber zu wenig Stellen. Die DFG sieht hier auch ein Problem der mangelnden Wertschätzung:

"Aus jedem bewilligten Projekt werden Personen. Hier würde ich mir mehr Fürsorge wünschen"

Den Ausführungen der Referent*innen schloss sich eine lebhafte Diskussion mit Publikumsbeteiligung an, bei der zahlreiche Aspekte der Debatte erörtert wurden:

Die Möglichkeit früherer Entfristungen wurde ebenso angesprochen wie die mangelhafte Quote von Frauen in der Wissenschaft. Ein Kanzler zeichnete nochmals die Entwicklung des letzten Jahrzehnts nach: Immer mehr Drittmittel führten zu mehr Befristungen. Für diese Entwicklung waren nicht die Hochschulen selbst verantwortlich, trotzdem gelten sie als Hauptschuldige an der jetzigen Misere.

Sehr deutlich wurde in der Debatte auch die Problematik aufgezeigt, dass Mitarbeiterstellen nicht den Fachbereichen, sondern den Professuren zugeordnet sind, was oftmals Befristungen erzwingt.

Auch die Frustration ausländischer Wissenschaftler, die in Deutschland lehren und forschen möchten, wurde angesprochen. Auch die prekäre Situation der Privatdozenten wurde erörtert.

Während sich einzelne Referent*innen für mehr Mittelbaustellen stark machten, legte Prof. Rüdiger für die HRK den Fokus auf eine Erhöhung der Professurenzahl.

Dr. Keller betonte nochmals, dass neue Programme auch erfahrenen, sprich älteren Wissenschaftler*innen offen stehen müssen.

Panel 2 "Einstieg in die Bundesfinanzierung! Über welche Instrumente? Ein Programm"

Das zweite Panel moderierte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Katja Dörner.

Den Beginn machte Dr. Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat mit einem Input zu den Forderungen des Wissenschaftsrates zu Karrierewegen und -zielen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. In einem informativen und anschaulichen Vortrag zeigte sie Problemlagen und Lösungsoptionen auf. Prägnant formulierte sie:

"Es gibt zu viele Möglichkeiten sich auf den Weg zu machen, zu wenige, um anzukommen".

Das Ziel der notwendigen Reformen müsse sein: Mehr Professuren und mehr Dauerstellen.

Auch Frau Dr. Behrenbeck wies noch einmal auf die Problematik hin, dass Professor*innen Lehrstühle wechseln können - Mitarbeiter*innen aber nicht.

Dafür müssen alle etwas tun, der Bund sei hier gefragt, weil es unter anderem eine Erhöhung der Grundfinanzierung brauche. Im Fazit forderte Behrenbeck eine Pluralität der Karrierewege in der Wissenschaft. Wissenschaft als Beruf müsse normaler und anschlussfähiger werden.

Im Anschluss erläuterte Kai Gehring die Ansätze der grünen Bundestagsfraktion für eine Verbesserung der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Der Mittelbau erledigt Kernaufgaben - er ist nicht nur der perfekte Dienstleiter. Im heutigen Wissenschaftssystem haben sich Unkulturen eingenistet - es gibt einen Jugendwahn einerseits, und ein überkommenes Senioritätsprinzip andererseits.

Die Grüne Bundestagsfraktion will jetzt Verbesserungen- und nicht irgendwann 2017: Die Karriereleiter für Nachwuchswissenschaftler braucht endlich feste Stufen. Die Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes gehört dazu. Aber auch: es braucht weniger Befristungen, mehr Tenure Track und neue feste Mittelbaustellen.

Es braucht jetzt ein neues Bund-Länder-Nachwuchsprogramm. Die bisherigen Vorschläge haben eine starke Fixierung auf Juniorprofessuren. Richtig ist, wir brauchen mehr Junior- bzw. Tenure-Track-Professurenprofessuren, falsch wäre ein Fokus nur auf eine Säule. Wir möchten jetzt eine Dekade für bessere Wissenschaftskarrieren. Der Bund müsse sich engagieren! Wir denken als Anschub über die bundesweitige Förderung von 6 Jahren (Junior-)Professur plus Tenure Track plus den Anfang der Lebenszeitprofessur nach.

Für eine echte Verbesserung der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses brauchen wir 10.000 Stellen in 10 Jahren.

Auch an diese Inputs schloss sich eine Kommentierung durch die Referent*innen und eine Diskussionsrunde mit dem Publikum an.

Frau Schmidtmann (DFG) betonte die Notwendigkeit von langfristigen Lösungen.

Auch Andreas Keller (GEW) warnte, nicht den Fehler zu machen, immer wieder Probleme durch zeitlich begrenztes Geld zu lösen. Wichtig sei eine Erhöhung der Grundfinanzierung. Auch die GEW fordert seit längerem einen Aufwuchs um 10.000 Stellen, davon müssten 5.000 mit Frauen besetzt werden.

Prof. Bunia (DGJ) warnte an dieser Stelle davor, weiter Leute befristet ins System zu holen. Schon jetzt werde das vorhandene Personal überhaupt nicht effizient eingesetzt. Auch eine einfache Erhöhung der Grundfinanzierung löse das Problem nicht mehr. Wichtig sei eine Veränderung der Personalstruktur. Hierfür muss der Bund finanzielle Anreize setzen.

Auch Frau Dr. Burkhardt bestärkte die Idee, die Vergabe von (zusätzlichen) Geldern an Personalentwicklungskonzepte zu binden. Außerdem warb sie dafür, die Vielfalt bei den Karrierewegen im deutschen Wissenschaftssystem zu erhalten und nicht den einen "Königsweg" zu suchen.

Prof. Rüdiger befand: "Mehr Stellen wären gut, bessere Betreuungsrelationen wären sehr gut."

Allerdings müsse man die Kosten im Blick behalten.

Kai Gehring betonte, dass die grüne Bundestagsfraktion für den wissenschaftlichen Nachwuchs mehr Geld in die Hand nehmen möchte. Bei der Frage nach der konkreten Ausgestaltung eines neuen Programms oder der Vergabe zusätzlicher Mittel verwies er als Negativbeispiel auf die Umstrukturierung im Zuge der BAföG-Novelle:

"Sowas wie beim BAföG möchte ich nicht mehr erleben".

Bei der weiteren Debatte wurden weitere Vorschläge genannt, unter anderem eine Erhöhung der Programmpauschale oder auch ein Punktesystem als Tenure Track-System, bei dem durch verschiedene Bausteine (Lehre, Veröffentlichungen etc.) Punkte gesammelt werden, bei einer Erreichung einer bestimmten Punkteanzahl in einer bestimmten Zeit wird man entfristet.)

Zum Abschluss bedankte sich Kai Gehring für die guten und spannenden Beiträge. Er kündigte an, dass die Ergebnisse des Fachgesprächs in einen parlamentarischen Antrag einfließen werden und dass die Fraktion zum Thema "Infrastrukturen des Wissens" ein weiteres Fachgespräch am 12. Juni veranstaltet.


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