Mitten in Bologna - Paderborner Erklärung zur Studienreform

22.11.2005: Beschluss der Mitgliederversammlung von campusgrün am 20.11.2005 in Paderborn.

Der Umbruch, der durch den Bologna-Prozess an den deutschen Hochschulen angestoßen wurde, ist enorm. Campusgrün - das Bündnis grün Alternativer Hochschulgruppen - steht der Einführung der neuen Studienstruktur nach wie vor positiv gegenüber. Es ist allerdings festzustellen, dass der Weg in das Europa von Bologna nicht frei von Stolpersteinen ist: Gerade um den Gesamterfolg nicht zu gefährden, gilt es, bestehende Probleme und Gefahren zügig auszuräumen:

Finanzielle Ausstattung der Hochschulen

Die neue Struktur, die ein wesentlich kompakteres Studium bedeutet, erhöht deutlich den Betreuungsaufwand. Daher ist die Vorgabe der Kostenneutralität der Studienreform falsch und macht eine sachgerechte Umsetzung unmöglich.

Durch Strukturveränderungen allein lassen sich keine Qualitätsverbesserungen des Studiums erreichen. Es ist endlich an der Zeit, dass Politikerinnen und Politiker aller Parteien ihre seit Jahrzehnten vollmundig gegebenen Versprechen einlösen und die Investitionen in Hochschulbildung wesentlich erhöhen. Ansonsten bleibt jede Reformbemühung, so ernsthaft sie angegangen wird, nur Flickwerk.

Die gleichzeitig geplante Einführung von Studiengebühren diskreditiert die Zielsetzungen des Bolognaprozesses.

Neue Lern- und Lehrformen

Die Hochschulen erwarten gerade in der Umstellungsphase auf Bachelor/Master viel Flexibilität von den Studierenden. Eine echte Studienreform kann nur gelingen, wenn auch Lehrende bereit sind, ihre didaktischen Konzepte zu verbessern. Ansätze wie „blended learning“ können Lehrveranstaltungen flexibel und interaktiv gestalten. Besonders durch eine individuelle Betreuung und Beratung wird die Qualität des Studiums erhöht.

Anwesenheitskontrolle in Veranstaltungen

Aus vollkommen unerfindlichen Gründen sind an verschiedenen Hochschulen eine große Zahl von Lehrenden davon überzeugt, sie müssten im Rahmen der BA/MA-Studiengänge Anwesenheit intensiver als früher abfragen. Wir stellen fest, dass es dafür keinen rechtlichen Anlass gibt. Genauso wie in herkömmlichen Studiengängen beschränkt sich „aktive Teilnahme“ nicht auf die Anwesenheit. Zu starre Regelungen werden den individuellen Lebenssituationen von Studierenden oft nicht gerecht.

Eigenverantwortliche Zeiteinteilung

Die strikte Orientierung an der 40-Stunden-Woche und die Fokussierung auf den Workload dürfen nicht dazu führen, dass nur ein Vollzeitstudium möglich ist. Es gibt vielfältige Gründe, die Studierende daran hindern: Die Finanzierung des Lebensunterhaltes, die Erziehung von Kindern, Engagement innerhalb oder außerhalb der Hochschule und anderes.

Anzahl und Zeitpunkt von Prüfungen

Prüfungen müssen gleichmäßig über das gesamte Studium verteilt sein und dürfen sich weder am Studien- noch am Jahres- oder Semesterende häufen. Es ist nicht notwendig, jede Veranstaltung einzeln zu prüfen. Zu den Wesensmerkmalen eines Moduls zählt eine inhaltliche Kohärenz. Dies lässt sich in aller Regel dadurch ablesen, dass Lehrende in der Lage sind, ein Modul in einer Prüfung zusammenzufassen.

Wahlfreiheit und Forschungsorientierung in Modulen

Module müssen eine flexible Struktur erhalten. Studierende sollten sowohl zwischen alternativen Modulen als auch innerhalb eines Moduls zwischen verschiedenen Veranstaltungen wählen können. Eine zu strenge Hierarchisierung der Module ist zu vermeiden.

Die neuen berufsqualifizierenden Abschlüsse bedeuten für einen Teil der Studierenden eine Verbesserung und Anpassung an ihre Bedürfnisse. Allerdings muss es für wissenschaftlich-theoretisch interessierte Studierende Lehrangebote schon im Bachelor geben.

Übergang-BA/MA

Alle Studierenden müssen im Anschluss an ihr Bachelor-Studium sowohl jeden ihrer Studienrichtung entsprechenden Masterstudiengang beginnen können als auch für einen Einstieg ins Berufsleben qualifiziert sein. Dabei müssen sie den Studienort frei wählen können. Dafür ist die wechselseitige Anerkennung der Abschlüsse auf nationaler und internationaler Ebene zwingend erforderlich. Neben dem Bachelor ist die einzig akzeptable Zugangsvoraussetzung ein für beide Seiten verpflichtendes Beratungsgespräch. Prozentuale Zielquoten und weitere NCs darf es nicht geben. Studierende müssen direkt nach dem Bachelor ihr Studium im Master fortsetzen können. Sie dürfen nicht in die Lage kommen, ein Semester mit dem Studium aussetzen zu müssen und dadurch Unterstützungsansprüche z.B. durch BAföG zu verlieren.

Ausbildungsförderung bis zum Masterabschluss

Wir wiederholen unsere grundsätzliche Position, durch eine individuelle Förderung aller Studierenden jeder und jedem ein Studium zu ermöglichen. Solange keine tragbaren Alternativen zum derzeitigen BAföG existieren, ist es notwendig, dass Studierende bis zum Masterabschluss diese Unterstützung erhalten. Kommerzielle Studienkredite sind für uns keine tragbare Alternative.

Studentische Beteiligung

Bei Akkreditierungsverfahren sind Studierende an zentraler Stelle und intensiver als bisher zu beteiligen. Wir fordern alle Akkreditierungsagenturen dazu auf, ausschließlich die geschulten studentischen VertreterInnen in ihre Arbeit einzubinden. An den Hochschulen sind in jedem Fall Gespräche mit den Fachschaften zu führen. Der studentischen Evaluation von Lehrenden und Veranstaltungen muss dabei ein großer Stellenwert beigemessen werden.

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