Digitalisierung studieren: Mit grünen Ideen in die Zukunft!

09.12.2018: Beschlossen am 24.11.2018 auf der 38. Bundesmitgliederversammlung von Campusgrün in Mainz.

#digital Die Digitale Revolution ist in vollem Gange und dabei, alle unsere Lebensbereiche zu verändern. Als Verband grüner und grün-alternativer Hochschulgruppen ist es unser Anliegen, dass die digitale Zukunft nachhaltig, sozial und partizipativ gestaltet wird.

Wir fordern die Hochschulen bundesweit dazu auf, die Digitalisierung nicht nur als technisches Phänomen aufzufassen, sondern ihre gesellschaftlichen Auswirkungen in den Fokus von Bildung und Forschung zu stellen und öffentlich zu diskutieren.

Von den Regierungen von Ländern und Bund fordern wir, nicht nur Standort- und Wirtschaftspolitik zu betreiben, sondern die Digitalisierung so zu leiten, dass sie zum Vorteil aller Menschen gereicht.

#nachhaltig Wir erkennen an, dass die Digitalisierung Chancen im Bereich der Energieeffizienz bietet und damit zu einer grünen Ökonomie beitragen kann, möchten aber darüber hinaus das Prinzip der Suffizienz betonen. Digitalisierung bedeutet nicht automatisch ein Mehr an Nachhaltigkeit, da Effizienzgewinne allzu oft ökologisch schädlich reinvestiert werden ('Rebound-Effekt', vgl. Lange & Santarius, 2016). Für die sozial-ökologische Transformation bedarf es immer noch einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse sowie unserer Lebensstile, die von einer regulierten Digitalisierung begleitet werden kann. Bei der Verwendung energieintensiver Technologien wie dem Schürfen von Kryptogeld sollten Nutzen und Umweltkosten kritisch gegeneinander abgewogen werden.

#langlebig Die Nutzungsdauern technischer Geräte, insbesondere von Smartphones, sind zu kurz. Die Obsoleszenz von Geräten durch die Veröffentlichung von Nachfolgemodellen oder nicht kompatibler Software muss unterbunden werden. Wir fordern deshalb, dass Hardware reparierbar und recyclebar sein muss. Hersteller*innen müssen gesetzlich verpflichtet werden, Ersatzteile anzubieten. Mobilfunkverträge, die die regelmäßige Anschaffung eines neuen Smartphones beinhalten, sollen verboten werden. Betriebssysteme und Software müssen abwärtskompatibel sein, sodass die Geräte länger nutzbar bleiben.

#fair Die Digitalisierung darf nicht auf dem Rücken der Länder des globalen Südens ausgetragen werden, sondern soll zur Entwicklung in ärmeren Regionen beitragen. Bei der Produktion von Hardware ist auf die Verwendung nachhaltiger und unter fairen Bedingungen gewonnener Rohstoffe zu achten. Durch die Produktion verursachte ökologische und soziale Kosten müssen internalisiert werden. Für die erfolgreiche Entwicklungszusammenarbeit sind ein niedrigschwelliger Technologie- und Wissenstransfer vonnöten. #effizient Die Rechen- und Speicherkapazitäten von Computern nehmen kontinuierlich zu, doch leider wird die Software gleichzeitig langsamer und speicheraufwendiger ("Wirth's law", vgl. Niklaus Wirth: "A Plea for Lean Software"). Wir fordern dazu auf, in der Softwareentwicklung folgende Prinzipien zu lehren: 1. Effizienz. Schnelle Algorithmen reduzieren den Energieverbrauch. 2. Suffizienz. Unnötige Funktionen verlangsamen die Geräte unnötigerweise. 3. Modularität. Nutzer*innen sollen entscheiden können, welche (neuen) Funktionen sie installieren möchten. 4. Kompatibilität. Software muss auf Geräten funktionieren, die mehrere Jahre alt sind. Nach Ende des Supports sollen Softwarehersteller den Quellcode öffentlich machen, sodass die Open Source-Community die Software weiterentwickeln und warten kann.

#neutral Das Arpanet, der Vorgänger des heutigen Internets, war ein Zusammenschluss von Forschungseinrichtungen. Damit das Internet auch in Zukunft im Sinne der Forschung und der Verbraucher*innen genutzt werden kann, fordern wir die Hochschulen auf, sich für den Erhalt der Netzneutralität einzusetzen. Diese impliziert eine offene, freie Nutzung und Meinungsäußerung und ermöglicht somit die gesamtgesellschaftliche Teilhabe an wissenschaftlichen Forschungen und Ergebnissen, sowie die Erleichterung globaler Vernetzung und Organisation. Darin darf sie nicht eingeschränkt werden (wie es seit Kurzem in den USA der Fall ist, wo private Netzbetreiber Nutzungsgebühren für bestimmte Websites verlangen können), da so selbstbestimmter Erkenntnisgewinn verhindert werden würde. Damit ist die Netzneutralität ein wichtiger Stützpfeiler der Demokratie.

#vernetzt Um Monopolbildung vorzubeugen, fordern wir Standards für die Interoperabilität von Chatdiensten und sozialen Netzwerken. Dies würde die verschlüsselte Kommunikation zwischen Nutzer*innen verschiedener Anbieter ermöglichen, wie es bei E-Mail und SMS bereits möglich ist.

#transparent Dem Trend, immer mehr für Menschen bedeutende Entscheidungen von größtenteils intransparenten Algorithmen treffen zu lassen, wollen wir entgegenwirken. Die Algorithmen auf der Basis historischer Daten entscheiden zu lassen, kann zur Verfestigung rassistischer und sexistischer Benachteiligungen führen, wenn bspw. in der Vergangenheit Ausländer*innen und Frauen* bei Bewerbungsverfahren und Kreditvergaben benachteiligt oder verdächtigt wurden Straftaten begangen zu haben. Unternehmen fordern wir auf, ihre Algorithmen offen zu legen, um diese menschenfreundlich zu gestalten. Auch hier geht es darum, ethische Maßstäbe von Gleichstellung und sozial Gerechtem bestimmend werden zu lassen. Dies ist nur möglich, wenn sie nicht von Interessen der Großkonzernen dominiert, sondern staatlich überprüft werden! Die Hochschulen sollen an einer verbesserten Interpretierbarkeit und Zugänglichkeit von schwer durchschaubaren Modellen forschen, um einen kritischen Blick auf sie zuzulassen und an einer Verhinderungen von Diskriminierungsformen zu arbeiten.

#gestaltend Durch die fortschreitende Digitalisierung wird die Arbeits- und Lebenswelt einen enormen Transformationsprozess erfahren, durch den viele Berufe in Zukunft an gesellschaftlicher Relevanz verlieren werden. Diese Entwicklung stellt eine erhebliche Herausforderung für die sozialen Sicherungssysteme dar, bietet aber auch die Chance für mehr soziales Engagement und Mitbestimmung der breiten Zivilbevölkerung. Um diesen Wandel aktiv zu gestalten, müssen Politik und Hochschulen alternative Möglichkeiten der Einkommenssicherung wie das bedingungslose Grundeinkommen in Reallaboren erforschen, um sie für den öffentlichen Diskurs zugänglich zu machen und für alle Gesellschaftsmitglieder durchzusetzen. Zusätzlich müssen sie Programme zur interdisziplinären Zusammenarbeit fördern, um gemeinsam nachhaltige Zukunftsmodelle weiter zu entwickeln - z.B. die progressive Nutzung der Digitalisierung, um den sechs-Stunden-Tag für alle zu verwirklichen. Für die Realisierung solcher in die Gesellschaft wirkender Forschung bedarf es einer staatlichen Ausfinanzierung des Hochschul- und Bildungssektors.

#gleich Wir sehen in der starken Unterfinanzierung und der daraus folgenden Ungleichverteilung in universitären Strukturen ein strukturelles Problem, welches es konsequent anzugehen gilt. Wir wollen die Orientierung an den Sustainable Development Goals (SDGs) stärken: Angefangen im universitären Kontext, um von da aus aktiv in die Gesellschaft wirken zu können. Wir sehen soziale Ungleichheiten hierbei in der gesellschaftlichen Struktur als Problem des auf Konkurrenz basierenden, neoliberalen System des Arbeitsmarktes. Orientiert an SDG 5 "Gender Equality" und SDG 10 "Reduced Inequalities" fordern wir deshalb die Beendung der Priorisierung von Geschlecht, Herkunft etc. bei der Besetzung von Verantwortungsposten, z.B. durch die verstärkte Frauen*-Förderung in den MINT-Fächern. An die Landesregierungen richten wir die Forderung, Technik- und Informatikunterricht flächendeckend verpflichtend einzuführen, damit schon Schüler*innen notwendiges Interesse und deren Bedeutung im Voranschreiten des "digitalen Zeitalter" vermittelt werden kann. Dadurch kann aktiv die Motivation entwickelt werden, als mündige, bewusste Bürger*innen die Welt positiv zu gestalten.

#demokratisch Im digitalen Zeitalter muss die Medienkompetenz stärker ins Zentrum von Schul- und weiterführender Bildung gerückt werden. Wir fordern, dass online verfügbare Informationen und direktere Kommunikationswege zu Entscheidungsträger*innen die Demokratie stärken. Zugleich muss eine wirksame Strategie für den Umgang mit Fake News und Hatespeech im Internet gefunden werden. Insbesondere muss den Echokammern in sozialen Netzwerken entgegengearbeitet werden. Ein erster Schritt wäre, Nutzer*innen wieder selbst die Kontrolle darüber zu überlassen, welche Inhalte sie sehen möchten, statt von Algorithmen personalisierte Auswahlen zu treffen. Dazu ist eine verlässliche, langfristige und nachhaltige Ausfinanzierung notwendig.

#privat Die Spionage durch Nachrichtendienste und Aggregation und Auswertung persönlicher Daten durch Konzerne hat in den letzten Jahrzehnten ungeheuerliche Ausmaße angenommen. Wir fordern Hochschulen auf, Konzepte zu entwickeln, wie weltweiter Datenschutz funktionieren und der Überwachung ein Ende gesetzt werden kann.

#friedlich Künstliche Intelligenz bringt nicht nur Vorteile, sondern kann auch gegen Menschen eingesetzt werden. Um globalen Frieden durch Wissenschaft zu fördern (SDG 16: Peace), fordern wir deshalb eine allgemeingültige, ernsthafte Zivilklausel für alle Hochschulen in der Bundesrepublik, sowie deren transparente Kontrolle durch unabhängige Gremien. Autonome Waffen und den wissenschaftlichen Beitrag zu Kriegen lehnen wir grundsätzlich ab und streiten in Konsequenz dessen, für die ständige Diskussion von politischen und philosophischen Fragestellungen in allen Studiengängen: z.B. mithilfe eines Ethikkodex in der Informatik und fächerübergreifenden Veranstaltungen zu Themen wie "Frieden" und "Künstliche Intelligenz". Wissenschaft muss sich verstärkt ihrer gesellschaftlichen Verantwortung und ihrem praktischen Bezug bewusst werden!

#vorausschauend Die von technischen Neuerungen ausgehenden Gefahren können von harmlos bis zum existenziellen Risiko für die Menschheit reichen. Deshalb sehen wir die Notwendigkeit einer verstärkten Forschung im Bereich der Technikfolgenabschätzung. KI-Cluster sollten mit einem Lehrstuhl für die Untersuchung existenzieller Risiken ausgestattet werden (beispielsweise nach dem Vorbild des "Centre for the Study of Existential Risk" in Cambridge), das insbesondere im Bereich "AI Safety" forschen soll.

#innovativ Innovative Konzepte und partizipative Ansätze wie die OpenSource- und CreativeCommons-Bewegung bewerten wir als konstruktiv und sehen darin die Chance, die Digitale Revolution "bottom up” zu gestalten. Dies würde bspw. dazu verhelfen, Datensätze öffentlich zugänglich zu machen. Dabei geht es um veröffentlichte wissenschaftliche Messdaten, welche unter eine offene Lizenz gestellt werden sollten. Dadurch könnten alle Interessierten diese Daten selbstbestimmt nutzen und damit z.B. Anwendungen entwickeln oder Forschung betreiben, die dem Allgemeinwohl dient. Auch im Konzept von "Open Universities", die Lehrveranstaltungen und Lehrmaterial über das Internet auch nicht- eingeschriebenen Bürger*innen zugänglich machen, sehen wir als emanzipatorischen Aspekt an. Hochschulen und Studierendenschaften sollten daher Studierende und Forschende dazu aufrufen, bei OS und CC mitzumachen, um gesamtgesellschaftliche, zeitgenössische Souveränität voranzubringen, selbst verstärkt Open-Source- Software einzusetzen und Medien unter CC-Lizenzen zu veröffentlichen.

#DieZukunftBeginntJetzt #DigitalAnpacken #DigitalStudieren


Literatur: Lange, S., & Santarius, T. (2016). Drei Fragen zum transformativen Potenzial der Digitalisierung: Wolf oder Wollmilchsau?. Ökologisches Wirtschaften- Fachzeitschrift, 31(3), 23-24.

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